19.05.2012
facebook adé

mit dem börsengang von facebook hat sich meine einstellung gegenüber dem größten aller sozialen netzwerke dramatisch geändert: zwar hatte ich bisher schon angenommen, dass meine privatsphäre vor allem durch die kostenlose nutzung dieser kommunikationsplattform gefährdet ist, jedoch nahm ich bisher an, den grad dieser gefahr nach dem motto selbst bestimmen zu können, dass ich facebook ja nicht alles mitteilen muss: so schien es mir denkbar, dass gezieltes zurückhalten interessanter und gleichzeitig gezieltes veröffentlichen weniger interessanter informationen mich in die lage versetzen würde, die kontrolle über die aus meiner sicht zu schützenden daten behalten zu können.

nun, da facebook an der börse massenweise geld hinterher geworfen bekommt und die monetären erwartungen sprunghaft in die höhe schießen werden, bin ich zu dem schluss gekommen, dass nur die einzelnen nutzer – also auch ich – dies erst haben möglich werden lassen. was passiert also, wenn alte und neue investoren nur noch daran denken, dass facebook demnächst die magische grenze von einer milliarde nutzer erreicht und auf dieser annahme basierend ein lukratives werbegeschäft mit den dabei anfallenden privaten daten wittern? was aber, wenn all die bisher und in zukunft gesammelten daten nicht mehr nur noch von facebook sondern auch von anderen datenstaubsaugern abgegriffen, verwertet und in geld verwandelt werden. ich jedenfalls möchte mir nicht ausmalen, was aus diesem geschäftsmodell in zukunft konkret werden soll und vor allem möchte ich nicht mehr teil dieses geschäftsmodells sein. vor der deaktivierung meines kontos bei facebook habe ich aber noch die neue funktion „archiv des kontos erstellen“ genutzt und nach einer kurzen wartezeit den kompletten datensatz meiner bei facebook gespeicherten daten heruntergeladen.

13.04.2012
keine rendite mit der miete!

Die aktuelle Berliner Wohnungsnot als Marktchance für Investoren?

Im Juni 2012 veranstaltet das Handelsblatt im Berliner Ritz Carlton Hotel am Potsdamer Platz die „Jahrestagung der Immobilienwirtschaft“. Dort treffen sich große Immobilienkonzerne mit Vertreter_innen von Parteien und Bundesbauminister Ramsauer. Während die Mieter_innen in Berlin und anderen Großstädten unter der Last rapide steigender Mieten ächzen, soll auf dieser Konferenz besprochen werden, wie man aus dieser Wohnungsnot noch größere Gewinne schlagen kann.

Rendite mit der Miete?

Der Berliner Wohnungsmarkt boomt, immer schneller werden Wohnungen als Ware von Hedgefonds und internationalen Investoren hin- und hergeschoben – das „lebende Inventar“ gleich mit. In der Finanzkrise sind Berliner Mietshäuser bei Anlegern_innen als sicherer Hafen besonders beliebt. Die explodierenden Mieten machen die Immobilien nur noch attraktiver, denn es winken immense Wertsteigerungspotentiale. Dass die Mieter_innen existenziell auf den Raum angewiesen sind, mit dem andere möglichst viel verdienen wollen, ist für die Immoblienwirtschaft kein Problem, sondern Basis ihres Geschäftsmodells.

Privatisierung ohne Ende?

Die Politik beschränkt sich derweil darauf, investorenfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie treibt den Ausverkauf der Stadt maßgeblich voran, anstatt die Mieter_innen zu schützen und die Stadtentwicklung an den Befürfnissen der Bewohner_innen Berlins auszurichten. Seit den 1990er Jahren wurde ein erheblicher Teil des kommunalen Wohnungsbestandes verkauft und so die Möglichkeit, Mietpreise anhand sozialer Kriterien zu beeinflussen, immer weiter aus der Hand gegeben. Vorreiter war der Verkauf der GEHAG, die heute in der Hand des börsennotierten Konzerns DEUTSCHE WOHNEN ist – deren Vertreter_innen auf der Teilnehmer_innenliste der „Jahrestagung Immobilienwirtschaft“ stehen. Auch das größte durch den rot/roten Senat privatisierte öffentliche Wohnungsuntermehmen Berlins, die GSW, nimmt teil. Weiterer prominenter Teilnehmer der Jahrestagung und Sponsor des Abendprogramms ist die TLG Immobilien GmbH, die als Treuhandausgründung das größte ostdeutsche Immobilienunternehmen ist und sich – noch – in der Hand des Bundes befindet. Das soll sich schon bald ändern, denn auch diese florierende GmbH soll privatisiert werden. Da wundert es nicht, dass sie die Immobilienwirtschaft anschließend zum „stilvollen Abendessen“ einlädt – in eines ihrer bekanntesten Objekte, die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg.

Steigende Mieten stoppen – Für ein Recht auf Stadt für alle!

Wer glaubt, dass sich Vertreter_innen der Immoblienwirtschaft still und leise direkt vor unserer Nase hinter den Pforten eines Nobelhotels darüber verständigen können, wie sie aus der Berliner Wohnungsnot Profit schlagen können, hat sich geschnitten. Mieter_innen in Berlin und anderen Städten organisieren sich und sind bereit, den Kampf aufzunehmen. Zeigen wir Politik und Immobilienbranche, dass wir nicht bloß das „lebende Inventar“ von Investitionsobjekten sind.

Kommt alle:

16:00 Uhr Auftaktkundgebung am Mehringplatz

17:30 Uhr Potsdamer Platz (vor dem Ritz Carlton Hotel)

19.02.2012
kandidatenkür

11.02.2012
syrien: was geschieht wirklich?

was in libyen schon im vergangenen jahr funktionierte – ein durch nato-truppen herbeigebombter regimewechsel unter dem label „schutz von zivilisten“ – deutet sich nun wohl auch in syrien an: zwar sind die nato-staaten mit ihrem resolutionsentwurf vorerst am veto chinas und russlands im sicherheitsrat der vereinten nationen gescheitert; die propaganda der westlichen leitmedien gegen die syrische staatsführung dagegen insistiert mit jedem tag ein wenig mehr.

doch woher stammen die informationen, auf die sich so gut wie alle großen medien beziehen?

um es abzukürzen: aus keiner objektiv nachvollziehbaren quelle. viele der meldungen beziehen sich zumeist auf die sog. „syrische beobachtungsstelle für menschenrechte“, jedoch verbirgt sich hinter dem wohlklingenden namen im grunde nicht mehr als eine simple webseite im blogformat. genau genommen sind es sogar zwei webseiten: zum einen die „only official website“ unter www.syriahr.net und dann noch die „offical site of the london based“ unter www.syriahr.org. wirklich transparent – im sinne von strukturen, finanzierung, quellen – sind beide nicht. trotzdem oder gerade deshalb sind die dort bereitgestellten informationen zur lage in syrien mindestens genauso kritisch zu hinterfragen, wie dies auch gegenüber den informationen der syrischen staatsmedien praktiziert wird.

3.11.2011
postdemokratisches europa?

mit der ankündigung des griechischen ministerpräsidenten und sozialisten papandreou vom vergangenen montag, das griechische volk in die entscheidungen zum sogenannten euro-rettungsschirm einzubinden, hat die vermeintliche lösung der durch die finanzkrise 2008 verursachten staatsschuldenkrise einen neue dimension bekommen.

erstmals in der aktuellen krise sollen nicht nur die nationalen parlamente der euro-zone allein entscheiden, was gut oder schlecht für den euro und eu-europa ist, sondern das volk selbst. ein solcher direkt-demokratischer schritt sollte eigentlich im sinne eines jeden überzeugten demokraten sein, jedoch zeigt sich an den reaktionen in europäischen medien und institutionen der letzten tage, dass es derzeit um die demokratie in der europäischen union nicht gut bestellt zu sein scheint.

anstatt den vorstoß papandreous im sinne demokratischer grundwerte zu würdigen, passiert stattdessen genau das gegenteil: das für den 4. dezember diesen jahres geplante referendum wird von den zumeist konservativen führern der großen eu-mitglieder, vermeintlichen experten der finanzmarktindustrie und zahlreichen kommentatoren als gefahr für den euer-raum und die eu gegeißelt. begründet wird dies damit, dass das griechische volk nicht in der lage sei, die vermeintlich notwendig richtige entscheidung – nämlich schulden mit noch höheren schulden zu bekämpfen zu wollen – treffen zu können.

dies zeigt sehr deutlich, wie es um die demokratie in europa tatsächlich bestellt ist: dem souverän – das volk – wird die fähigkeit abgesprochen, die eigene zukunft über das allgemeine wahlrecht hinaus selbst zu bestimmen. volksvertreter in freien, geheimen und gleichen wahlen regelmäßig in parlamente zu wählen und ihnen damit entscheidungsmacht für einen gewissen zeitraum zu verleihen ist die wesentliche voraussetzung eines jeden demokratisch verfassten gemeinwesens. dafür reicht das vertrauen der europäischen führer noch aus. eine volksabstimmung zu so elementaren fragen wie dem staatsbankrott und reformzwängen durch iwf, eu und ezb ist nicht gewünscht, bringt es doch die mit der finanzindustrie getroffenen vereinbarungen für milliarden- und billion-kredite in gefahr. einem europa, welches in aller welt demokratie etablieren will (siehe afghanistan und nordafrika), droht inzwischen nicht mehr nur der ökonomische sondern auch der moralische absturz in eine zeit nach der demokratie: der souverän wird zum statisten während die finanzindustrie und deren konservative lakaien gänzlich die kontrolle übernommen haben.

willkommen im postdemokratischen europa!

update: wie spiegel online inzwischen in einer eilmeldung berichtet, hat sich der griechische ministerpräsident papandreou am heutigen tag dem druck der überwiegend konservativen und finanzmarktfeundlichen europäischen elite gebeugt: der geplante volksentscheid zum euro-rettungsschirm wurde abgesagt. stattdessen soll in kürze eine notregierung unter vorsitz eines ehemaligen bankers die politischen geschäfte übernehmen.