3.11.2011
postdemokratisches europa?

mit der ankündigung des griechischen ministerpräsidenten und sozialisten papandreou vom vergangenen montag, das griechische volk in die entscheidungen zum sogenannten euro-rettungsschirm einzubinden, hat die vermeintliche lösung der durch die finanzkrise 2008 verursachten staatsschuldenkrise einen neue dimension bekommen.

erstmals in der aktuellen krise sollen nicht nur die nationalen parlamente der euro-zone allein entscheiden, was gut oder schlecht für den euro und eu-europa ist, sondern das volk selbst. ein solcher direkt-demokratischer schritt sollte eigentlich im sinne eines jeden überzeugten demokraten sein, jedoch zeigt sich an den reaktionen in europäischen medien und institutionen der letzten tage, dass es derzeit um die demokratie in der europäischen union nicht gut bestellt zu sein scheint.

anstatt den vorstoß papandreous im sinne demokratischer grundwerte zu würdigen, passiert stattdessen genau das gegenteil: das für den 4. dezember diesen jahres geplante referendum wird von den zumeist konservativen führern der großen eu-mitglieder, vermeintlichen experten der finanzmarktindustrie und zahlreichen kommentatoren als gefahr für den euer-raum und die eu gegeißelt. begründet wird dies damit, dass das griechische volk nicht in der lage sei, die vermeintlich notwendig richtige entscheidung – nämlich schulden mit noch höheren schulden zu bekämpfen zu wollen – treffen zu können.

dies zeigt sehr deutlich, wie es um die demokratie in europa tatsächlich bestellt ist: dem souverän – das volk – wird die fähigkeit abgesprochen, die eigene zukunft über das allgemeine wahlrecht hinaus selbst zu bestimmen. volksvertreter in freien, geheimen und gleichen wahlen regelmäßig in parlamente zu wählen und ihnen damit entscheidungsmacht für einen gewissen zeitraum zu verleihen ist die wesentliche voraussetzung eines jeden demokratisch verfassten gemeinwesens. dafür reicht das vertrauen der europäischen führer noch aus. eine volksabstimmung zu so elementaren fragen wie dem staatsbankrott und reformzwängen durch iwf, eu und ezb ist nicht gewünscht, bringt es doch die mit der finanzindustrie getroffenen vereinbarungen für milliarden- und billion-kredite in gefahr. einem europa, welches in aller welt demokratie etablieren will (siehe afghanistan und nordafrika), droht inzwischen nicht mehr nur der ökonomische sondern auch der moralische absturz in eine zeit nach der demokratie: der souverän wird zum statisten während die finanzindustrie und deren konservative lakaien gänzlich die kontrolle übernommen haben.

willkommen im postdemokratischen europa!

update: wie spiegel online inzwischen in einer eilmeldung berichtet, hat sich der griechische ministerpräsident papandreou am heutigen tag dem druck der überwiegend konservativen und finanzmarktfeundlichen europäischen elite gebeugt: der geplante volksentscheid zum euro-rettungsschirm wurde abgesagt. stattdessen soll in kürze eine notregierung unter vorsitz eines ehemaligen bankers die politischen geschäfte übernehmen.

12.04.2011
zum krieg in libyen und dessen legitimation

aus dem offenen brief der freidenker ein kurzer auszug:

Die öffentliche Begründung der Militäroperation stützt sich auf die Behauptung, dass unter der Führung des Obersten Muammar al-Gaddafi, (der unsinnigerweise als „Machthaber bezeichnet wird, obwohl er kein Staatsamt bekleidet), eine Demokratiebewegung mit solch brutaler Gewalt niedergeschlagen werde, dass ein Eingreifen aus humanitären Gründen geboten sei. Die Angriffe dienten dem Schutz von Zivilisten. Die Diskrepanz zwischen dieser Darstellung und der objektiven Situation könnte nicht größer sein.
Tatsächlich dienen die Angriffe der Schwächung der regulären libyschen Streitkräfte, die sich in einem Bürgerkrieg mit bewaffneten, unter dem Banner der Monarchie kämpfenden Gegnern der demokratischen Staatsordnung befinden. Durch den Eingriff der Allianz wurde der Bürgerkrieg, der schon so gut wie entschieden war, künstlich verlängert und so das Leid des libyschen Volkes vergrößert. Zivile Opfer der ausländischen Angriffe sind in Anbetracht der Kriegsführung und der eingesetzten Waffen unvermeidlich.

25.02.2011
eine ansprache, zwei versionen: gaddafi auf dem grünen platz in tripolis

vielleicht nur ein detail im unendlichen kosmos der veröffentlichten öffentlichkeit, dennoch wohl ein geeignetes beispiel für eine wenig objektive berichterstattung zu den vorgängen in libyen: gaddafi hat heute kurz vor 19.00 uhr ortszeit auf dem grünen platz in tripolis eine ansprache gehalten, die auch live bei al jazeera übertragen wurde:

in der englischen variante der arabischen tv-station wurde die ansprache simultan ins englische übersetzt und später auch im internet veröffentlicht:

An answer to the agents, a reply to the liars. A reply to the mass media of lies – the mass media – the mass lies. This is the great people of Libya. You are the fruit of the revolution. You are the enthusiastic youth of the revolution. You see pride and dignity in the revolution. You see history and glory in revolution – it is the jihad of the heroes. It is the revolution that gave birth to Omar Al Mukhtar. It is the revolution that we set up memorials [to].

I am among the public; we will continue to fight, we will defeat them. We will die here on the dear soil of Libya. We will defeat any foreign attempts – as we defeated the former Italian imperialism. This is the formidable force, [the] invincible force of youth. Life without dignity is worthless – life without green banners hoisted is useless. It is the life of pride, of dignity and victory – the green flag flying and hoisted. You, the youth, be comfortable at any place in the streets, [in the] squares. Dance, sing, stay up all night – live a life of dignity, with high morals. Muammar al-Gaddafi is one of you. Dance and sing, [be] joy[ful] and rejoice.

auch das zdf hat sich in einem beitrag im heute journal von 22.00 uhr auf diese rede bezogen und ebenfalls eine übersetzung der rede im internet veröffentlicht. in der übersetzung des zdf heißt es im krassen gegensatz zur übersetzung von al jazeera:

Was ich Euch sagen möchte – wo ist das Mikrofon? [Das Volk, das Volk ist mit dem Muhammar (mit Dir)] Kann ich jetzt endlich ein Mikro haben? Versammelt Euch, versammelt Euch, [Rufe] Macht weiter, rächt Euch an den Verrätern, an den Hunden und Lügnern. Ich bin stolz auf Euch, weil ihr so wahrhaftig und standhaft seid. Rächt Euch an denen, ich bezeichne sie ab jetzt nur noch als Hunde. Ich habe ein Volk, das mich liebt, ich brauche diese Tiere nicht. Ganz Arabien und die Völker Afrikas: wenn Ihr mich nicht liebt, ist das Euer Problem! ich brauche Euch nicht. Und wer mein Volk nicht liebt, den braucht Ghaddafi auch nicht.

Mein Volk: Verteidigt Libyen! lasst das Land nicht untergehen! Verteidigt Libyen, verteidigt die Generäle, die Oberhäupter und die Sicherheitskräfte! Rächt Euch an den Gegnern und lasst sie verfaulen! Ich bin mitten in Tripolis, und ich werde weiter standhaft hier bleiben, mitten in Tripolis auf dem grünen Platz! Die Jugend, die Standhaften: ihr seid in meinen Augen die wahrhaftigen Märtyrer. Enttäuscht Eure Ahnen nicht, die für mich gekämpft haben, tretet in ihre Fußstapfen. Denn ihr seid das wahre Volk Libyens, ich glaube an Euch. Macht solange weiter, bis Libyen rot ist (= blutüberströmt).

liebe redakteure vom heute journal:

wer hat die gaddafi-ansprache für euch übersetzt und warum weicht diese übersetzung so gravierend von der al jazeera’s ab?

warum wird aus „Dance and sing, [be] joy[ful] and rejoice.“ auf einmal „Macht solange weiter, bis Libyen rot ist (= blutüberströmt).“? warum aus „We will defeat any foreign attempts – as we defeated the former Italian imperialism.“ auf einmal „Verteidigt Libyen, verteidigt die Generäle, die Oberhäupter und die Sicherheitskräfte! Rächt Euch an den Gegnern und lasst sie verfaulen!“?

zwei möglich erkärungen: entweder hat al jazeera schon bei der simultan-übersetzung gaddafis worte bewußt geschönt oder die redakteure beim heute-journal haben den gezeigten ausschnitt der ansprache bewußt daramatisiert. beides wäre nicht hinnehmbar.

13.10.2010
2. street biennale: são paulo

ein spaziergang durch das zentrum von são paulo ist noch bis 23. oktober ein gang durch eine freiluftbühne für zeitgenössische urbane kunst: die 11 millionen menschen beherbergende metropole im süden brasiliens ist in diesem jahr der gastgeber für die weltweit verbreitet form von kunst im öffentlichen raum.

Übersichtskarte zur Street Biennale in Sao Paulo

14 gebäude im historischen, aber verarmten zentrum von são paulo bilden dabei die leinwand für streetart-künstler aus der ganzen welt. wie bereits die erste ausgabe im letzten jahr im benachbarten rio de janairo wird die diesjährige street biennale vom franzosen jéremy planchon kuratiert.

Kunstwerk von Mohamed Bourouissa auf der Street Biennale in Sao Paulo

besonders im kontext der restriktiven no-advertisement policy são paulos, die werbung im öffentlichen raum seit geraumer zeit vollständig verbietet, eine durchaus schwierige Aufgabe. dennoch ist es planchon gelungen, eine eindrucksvolle werkschau aktueller entwicklungen urbaner freiraumkunst zu kreieren.

Kunstwerk von Fabiano Gonper auf der Street Biennale in Sao Paulo

12.10.2010
Brasil: Beyond Citizen Kane